KONZEPT

Die internationale Tagung „widerständiges denken – politisches lesen“ fragt nach inhaltlichen und methodischen Konsequenzen aktueller politischer Theoriebildung für die Geistes- und Kulturwissenschaften: Wie können sich die etwa von Jacques Rancière, Chantal Mouffe und Ernesto Laclau gemachten jüngeren Angebote, Politik und Widerstand zu denken, in der wissenschaftlichen Lektüre, Analyse und Beschreibung kulturwissenschaftlicher Gegenstände produktiv niederschlagen? Welche Perspektiven und Methoden bietet avancierte Kulturtheorie zur Reaktivierung politischer und historischer Konzeptionen wie „Widerstand“ und „Politik“ selbst, und was trägt sie zum Verständnis politischer Diskurse und zur Analyse ästhetischer Thematisierungen und Performanzen von Widerstand bei? Die internationale und interdisziplinäre Tagung bringt Theater-, Literatur-, Medien-, KunstwissenschaftlerInnen, KulturtheoretikerInnen, SoziologInnen und PhilosophInnen zusammen, um gemeinsam die Möglichkeiten und Grenzen gegenwärtiger Beschreibungsmodelle und Sichtweisen zu diskutieren und neue Ansätze zu erproben.

In kulturwissenschaftlichen Diskursen wurden in den letzten Jahren vermehrt Begriffe ethischer und politischer Provenienz verwendet, debattiert und in neuen Formationen erprobt. Dazu trägt die kontroverse Rede von einer ›ethischen Wende‹ und ein vermehrtes Interesse an Wertung sowie an Engagement in Kunstformen ebenso bei wie die intensivierte Auseinandersetzung mit sozialen Vorbedingungen, die Reflektion juristischer und legislativer Gestaltungen künstlerischer Produktion und Rezeption, die inzwischen weit fortgeschrittene Auseinandersetzung mit thematisch einschlägigen Objekten vor allem im Rahmen von Postcolonial- und Genderforschung, und nicht zuletzt die erneute Auseinandersetzung mit ihrerseits engagierten Positionen vergangener Theoriebildung, die nun mit Distanz zu ihren unmittelbaren politischen Intentionen teilweise anders gelesen werden.

Im selben Zeitraum finden sich – freilich häufig an anderen Stellen, in anderen Beiträgen und in anderen Teiltraditionen – auch zunehmend wieder Thematisierungen weiter reichender Entwürfe und Begriffsbildungen mit Allgemeinheitsanspruch oder selbständiger weltanschaulicher Agenda. Gemeinsam sind diesen Beiträgen im Kontext radikaler Demokratietheorien und jüngerer philosophischer Theorien über Politik bei allen entscheidenden Unterschieden insbesondere emphatische Aufwertungen der Begriffe des Politischen, des Ereignisses und der Wahrheit im Sinne einer radikalen Unterbrechung und Neukonstituierung historisch apriorischer Ordnungen bei Badiou wie ganz anders bei Rancière, bei Critchley wie ganz anders bei Esposito. Für ein theoretisches Verständnis und das Bemühen um adäquate Beschreibungsmittel einer in diesem Sinne verstandenen politischen Dimension der Kunst ist der zugrunde liegende Begriff des ›Politischen‹ gerade in denjenigen Facetten relevant, die durch seine Problematisierung offengelegt worden sind: Als Phänomen, zu dessen Bedingungen eine grundlegende Inkommensurabilität mit Repräsentationen und Institutionalisierungen, aber auch mit stabilen Begriffen politischer Ordnung und ungebrochenen Diskursen der Politik gehört. Abstand genommen wird also von der einfachen Identifikation politischer Lektüre mit thematisch engagierten und politisch appellativen Texten und Literaturen, die als Parteinahmen gelesen werden wollen; ebensowenig richtet sich das Interesse auf reine literarische Verhandlungen von kategorialen Indifferenzen und Redifferenzierungen in bestehenden politischen Diskursen. Stattdessen kann nach dem Vorbil Mouffes und Laclaus das Politische als Gegenbegriff der Politik gedacht werden: Als Konfrontation mit jener Inkohärenz, die in Selbstbestimmung, politischer Äußerung und politischem Konflikt als das bestimmende Gegenteil der auf Kohärenz, Vermittelbarkeit und Gemeinsamkeit angelegten Politik verstanden werden kann.

Einer großen Zahl von häufig verstärkt gegenstandsorientierten und bisweilen bis zum Positivismus empirischen Studien stehen damit ambitionierte spekulative Entwürfe gegenüber, die – insbesondere, aber nicht nur aus aktueller oder erst aktuell rezipierter französischer Theoriebildung – Anknüpfungspunkte zur Verfügung stellen, die sich in den Kulturwissenschaften einerseits als überaus produktiv erwiesen haben. Andererseits laufen diese Gedanken Gefahr, in ihrer ›Anwendung‹ auf Fragestellungen der verschiedenen Disziplinen auf isolierte Begriffe, bisweilen auf bloßes Vokabular verkürzt zu werden. Gleichzeitig wird vielfach kritisiert, daß gerade die politischen Ambitionen und Voraussetzungen der so ›verwendeten‹ Theoretiker dabei nicht hinreichend kritisch beleuchtet werden, ja manchmal kaum bekannt zu sein scheinen.

Beide Mängel, so der Ausgangspunkt der geplanten Tagung, deuten nicht zuletzt auf die Schwierigkeiten, die im Zusammenhang dieser Theorien mit der Vorstellung von ›Anwendung‹ und ›Verwendung‹ überhaupt einhergehen. Es wird sich hier kein naiver Methodenbegriff im Sinne einer etablierten Wissenschaftstheorie oder im Zuge traditioneller Hermeneutik, deskriptiver, v.a. strukturalistischer Gegenstandsbeschreibung oder bisweilen auch noch poststrukturalistischer Fortschreibung mehr anbieten, der von der übergreifenden Theorie einen Werkzeugkasten erwartet, der dann an von den Theorien sauber trennbare Kultur- und Kunstgegenstände zu applizieren wäre. Das stünde in unmittelbarem Widerspruch zur Verschränkung von politischen, sozialen, konzeptuellen Bedingungen und künstlerischen sowie kulturellen Möglichkeiten, auf die in den besagten Theorien gerade insistiert wird. Ebenso wenig befriedigen können aber Praxen, die jeder Benennung von Konsequenzen der in ihnen inflationär zitierten Thesen für die eigene Arbeit ausweichen und sich damit auch der Reflektion über den Wissenschaftsbegriff der gegenwärtigen Kulturwissenschaften verweigern. Die Frage: was folgt? Was ergibt sich aus den neuen Beleuchtungen von Politik, Widerständigkeit und Kunst für die wissenschaftliche Arbeit an den verschiedenen Kunstformen? ist bislang kaum spezifisch gestellt und diskutiert worden. Gerade das wäre aber notwendig, wenn die Übernahmen aus populären Diskursen zu einer kritischen Fortsetzung vorgeschlagener Überlegungen beitragen sollen.

Die Begriffe im Titel der Tagung sind dabei jeweils in zwei Richtungen zu lesen: Es soll jeweils zugleich gefragt werden, welche wissenschaftlich beschreibbaren Formen widerständiges Denken annehmen kann, und wie Widerständigkeit überhaupt als Gegenstand theoriefähiger Konzepte gedacht werden kann; wie das Politische als Qualität bestimmte Lektüreangebote auszeichnen kann, und welche Verfahren für eine politische Lektüre zur Verfügung stehen, die sich im Sinne einer wissenschaftlichen Sensibilität und Adäquatheit gegenüber den Themen und zu denkenden Ordnungen des Politischen versteht.



Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch; nach Möglichkeit ist Englisch vorzuziehen.